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Suprême Conseild’Occitanie et d’Europe Centrale
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Der Adler mit zwei Köpfen

Guido Mond

Wofür steht der Adler des Schottischen Ritus? Guido Mond untersucht seine Symbolik, die Verantwortung der Obersten Räte, die rituelle Arbeit und die Geschichte der Grenzlogen zwischen Bratislava und Wien.

Der Doppeladler ist ein fest etabliertes Emblem der Freimaurerei des Schottischen Ritus. Er erscheint in unterschiedlichen Formen auf den Insignien des 32. und 33. Grades. Seine Verwendung beschränkt sich weder auf einen einzigen Grad noch auf eine einzige Jurisdiktion. 1

Zwei Köpfe blicken zu unterschiedlichen Horizonten. Ein Körper verbindet sie.

Für die Arbeit, die Okzitanien und Mitteleuropa miteinander verbindet, eröffnet dieses Bild eine anspruchsvolle Frage: Wie bewahren wir ein Erbe und bleiben zugleich aufmerksam für die Welt, in der wir leben? Wie können Überzeugung und Demut, Autorität und Zurückhaltung, Betrachtung und Handeln zusammenfinden?

Aus diesen Fragen nähert sich dieser Essay dem Adler. Die hier vorgeschlagene Deutung ist eine philosophische Lesart. Sie beansprucht nicht, dass jede Jurisdiktion des Schottischen Ritus dem Emblem dieselbe Bedeutung zuschreibt.

Im Mittelpunkt steht der vertraute Wahlspruch Ordo ab Chao: Ordnung aus dem Chaos. Im Leben einer Institution wie im Leben eines Menschen entsteht diese Ordnung durch geduldige Arbeit.

Was ist der Alte und Angenommene Schottische Ritus?

Der Alte und Angenommene Schottische Ritus ist ein System freimaurerischer Grade, das die ethischen und philosophischen Lehren der symbolischen Freimaurerei vertieft. Zu seinen Themen gehören Pflicht, Gerechtigkeit, Treue, Gewissen und die Verpflichtungen menschlicher Verbundenheit.

Die grundlegenden Grade sind Lehrling, Geselle und Meister. Der Schottische Ritus führt ihre Inhalte in weiteren Graden fort, deren Organisation je nach Jurisdiktion unterschiedlich ist. Der Oberste Rat für Schottland erkennt beispielsweise die Zuständigkeit seiner Großloge für die drei symbolischen Grade an. Das beschreibt diese Jurisdiktion und nicht die Verwaltungsstruktur Okzitaniens. 2

Die Nummerierung verlangt daher Sorgfalt. Eine Folge von Graden schafft einen Rahmen für Studium und Verantwortung. Sie ist kein verlässlicher Maßstab für die Weisheit, den Charakter oder das Verhalten eines Menschen.

Ein Mitglied kann sich vollkommen an eine Zeremonie erinnern und dennoch Mühe haben, ihre einfachste Lehre umzusetzen. Die eigentliche Prüfung setzt sich nach dem Ende der Zusammenkunft fort.

Dieser Essay würdigt solche Arbeit überall dort, wo sie aufrichtig geleistet wird. Freimaurerische Traditionen unterscheiden sich in ihren Verfassungen, geistigen Voraussetzungen und Anerkennungsregeln. Diese Unterschiede verdienen eine genaue Darstellung.

Von den französischen Hochgraden nach Charleston

Der Schottische Ritus entstand in einer Geschichte des Austauschs.

Seine unmittelbaren Vorläufer liegen zu einem wesentlichen Teil in den Hochgradsystemen, die im Frankreich des 18. Jahrhunderts aufblühten. 1761 erhielt Stephen Morin die Vollmacht, freimaurerische Arbeit über den Atlantik zu tragen. Ein System von fünfundzwanzig Graden verbreitete sich anschließend in der Karibik und in Nordamerika. Die Bezeichnung „schottisch“ gehört zum Wortschatz der Écossais-Freimaurerei. Sie belegt nicht, dass der gesamte Ritus in Schottland entstanden ist. 3

Diese französische Entwicklung hatte auch frühere britische Vorläufer. Die historische Darstellung der Südlichen Jurisdiktion nennt Hinweise auf schottische Formen der Hochgradfreimaurerei in Großbritannien, die ihrer Ausbreitung in Frankreich vorausgingen.

Ein entscheidender institutioneller Schritt erfolgte am 31. Mai 1801: In Charleston, South Carolina, wurde der erste Oberste Rat des 33. Grades eröffnet. 1804 errichtete Alexandre Auguste de Grasse Tilly, ein Mitglied des Rates von Charleston, einen Obersten Rat in Frankreich. 4

Der Weg führte somit auch zurück. Europäische Inhalte überquerten den Atlantik, entwickelten sich in neuen Institutionen weiter und kehrten in veränderter Gestalt nach Europa zurück.

Tradition und historische Belege

Die mit dem Jahr 1786 verbundenen Großen Konstitutionen nehmen einen wichtigen Platz in der Verfassungstradition des Ritus ein. Ihre Zuschreibung an Friedrich den Großen von Preußen verlangt jedoch historische Vorsicht. Die Darstellung der Südlichen Jurisdiktion behandelt diese Zuschreibung zurückhaltend und datiert die früheste ihr bekannte Abschrift auf etwa 1801 oder 1802. 4

Diese Unterscheidung stärkt eine ernsthafte freimaurerische Forschung. Die Funktion eines Textes innerhalb einer Institution und die Belege für seine Entstehungsgeschichte sind verschiedene Fragen.

Wir können eine Tradition achten und zugleich ihre Quellen prüfen. Die Treue zur Wahrheit verlangt gerade diese Bereitschaft.

Warum es einen Obersten Rat gibt

Ein Oberster Rat ist ein Leitungsgremium innerhalb seiner Jurisdiktion des Schottischen Ritus. Seine Aufgaben betreffen die Verwaltung und Weitergabe der Grade, die seiner Zuständigkeit unterliegen.

Die ethische Bedeutung dieser Verantwortung verdient ebenso viel Aufmerksamkeit wie ihre formale Beschreibung.

Ein Rat muss sich fragen, ob seine Amtsträger die Arbeit verstehen, die sie weitergeben, ob die Aufzeichnungen verlässlich sind, ob die Unterweisung ernsthaft erfolgt und ob Autorität innerhalb der eigenen Verfassung ausgeübt wird. Institutionelle Kontinuität beruht auf solchen alltäglichen Pflichten.

Auch der 33. Grad ist von der Mitgliedschaft im leitenden Rat zu unterscheiden. In der Südlichen Jurisdiktion der Vereinigten Staaten besitzt ein Generalinspektor ehrenhalber den 33. Grad, ohne aktives Mitglied des Obersten Rates zu sein. 5

Die Unterscheidung ist aufschlussreich. Ein Grad, ein Amt und eine verfassungsmäßige Befugnis sind verschiedene Dinge.

Für uns besteht der berechtigte Anspruch guter Leitung darin, die Arbeit verlässlich zu machen: Anvertrautes zu bewahren, Anforderungen verständlich zu erklären und andere darauf vorzubereiten, ihrerseits Verantwortung zu übernehmen.

Wie die dreiunddreißig Grade organisiert sind

Der Schottische Ritus besitzt eine erkennbare Struktur. Die Bezeichnungen und die Zusammenfassung seiner Körperschaften unterscheiden sich jedoch.

Zum Vergleich: Die Südliche Jurisdiktion der Vereinigten Staaten ordnet die Grade einer Perfektionsloge, 4. bis 14. Grad, einem Rosenkreuzkapitel, 15. bis 18. Grad, einem Kadoschrat, 19. bis 30. Grad, und einem Konsistorium für den 31. und 32. Grad zu. Diese Gruppen dienen dem Studium von Treue, Ethik, Philosophie, Ritterlichkeit und Verantwortung. 6

Die Nördliche Jurisdiktion führt für den 15. und 16. Grad einen eigenen Rat der Prinzen von Jerusalem und fasst den 19. bis 32. Grad in einem Konsistorium zusammen. 7

Diese Beispiele verdeutlichen Unterschiede. Sie sind kein Organigramm unseres Rates. Jede Körperschaft muss ihrer eigenen gültigen Verfassung und dem für sie autorisierten rituellen Rahmen folgen.

Zur französischen Terminologie gehören Loge de Perfection, Chapitre und Aréopage. Das veröffentlichte Programm Okzitaniens nennt für die Arbeit in Toulouse die Perfektionsloge Jean Moulin, das Kapitel Fernand de Magellan und den Areopag Molière. 8

Jenseits der organisatorischen Unterschiede bleibt eine Frage, die jeder Grad neu stellen kann: Was verlangt die Lehre von dem Menschen, der sie empfängt?

Fortschritt erhält Bedeutung, wenn die Unterweisung die Qualität der Aufmerksamkeit, des Urteils und des Handelns verändert.

Was das Ritual von uns verlangt

Das Ritual gibt Gedanken eine Form, der wir wiederholt begegnen können. Öffentliche Darstellungen des Schottischen Ritus erläutern, dass die Grade dramatische Erzählungen und Allegorien nutzen, um zum Nachdenken über ethische Fragen anzuregen. 7

In diesem Essay wird Ritual als eine Schulung der Aufmerksamkeit verstanden.

Aufmerksamkeit für Worte

Sorgfältige Sprache fordert uns auf, langsamer zu werden. Ein bewusst gesprochenes Versprechen macht den Abstand sichtbar zwischen dem, was wir sein möchten, und dem, was wir zu tun bereit sind. Die Frage begleitet uns über die Zusammenkunft hinaus: Werden wir mit unseren alltäglichen Worten ebenso sorgsam umgehen?

Aufmerksamkeit für das Schweigen

Schweigen schafft Raum für einen anderen Menschen. Zuhören verlangt, den Wunsch zu antworten, zu korrigieren oder Wissen zu zeigen, vorübergehend zurückzustellen. Wir hören genauer, wenn wir nicht schon unseren eigenen Auftritt vorbereiten.

Aufmerksamkeit für Symbole

Ein Symbol gibt dem Denken einen Ort, an den es zurückkehren kann. Betrachten wir das Winkelmaß als Einladung, unsere Gerechtigkeit zu prüfen. Seine Bedeutung wird konkret, wenn wir fragen, ob wir an einen Freund und einen Fremden oder an das eigene und das fremde Verhalten denselben Maßstab anlegen.

Das Werkzeug bleibt einfach. Die Prüfung wird anspruchsvoller.

Aufmerksamkeit durch Wiederholung

Wiederholte Arbeit bietet die Gelegenheit, Veränderungen an uns selbst wahrzunehmen. Eine Lehre über Geduld mag selbstverständlich erscheinen, bis Geduld unter schwierigen Umständen einen Preis verlangt. Treue gewinnt nach einer Enttäuschung neue Schärfe. Die vertraute Form begegnet jedes Mal einem veränderten Menschen.

Die Zeremonie allein garantiert nichts. Ihr Wert hängt von der Aufrichtigkeit ab, mit der wir ihr begegnen, und von dem Verhalten, das ihr folgt.

Der Geist der okzitanischen Tradition

Die offizielle Darstellung der Grande Loge Nationale des Rites Maçonniques und des Suprême Conseil d’Occitanie beschreibt einen schrittweisen geistigen Weg. Er verbindet die Arbeit an sich selbst, Brüderlichkeit und Symbolik mit einem jüdisch-christlichen und ritterlichen Geist. Auch besuchende Schwestern und Brüder verschiedener Obödienzen werden willkommen geheißen. 9

Die Aufnahmeseite Okzitaniens verlangt ausdrücklich den Glauben an ein schöpferisches Prinzip und das Eintreten für jüdisch-christliche Werte. Sie erklärt, dass politische und gesellschaftspolitische Diskussionen von der Arbeit ausgeschlossen sind, um sich auf die geistige Entwicklung jedes Einzelnen zu konzentrieren. Das sind die veröffentlichten Positionen dieser Institution. Sie werden hier nicht sämtlichen freimaurerischen Traditionen zugeschrieben. 10

Diese Begriffe verdienen eine überlegte Auslegung. Eine geistige Ausrichtung fordert den Einzelnen dazu auf, die Ziele zu prüfen, die sein Leben bestimmen. Sie fragt, was Treue verdient, was dem Ehrgeiz Grenzen setzt und was einer Verpflichtung Kraft verleiht, wenn ihre Erfüllung unbequem wird.

Eine ritterliche Ethik bindet Stärke an Disziplin. Ihre praktischen Fragen betreffen den Schutz der Würde, die Treue zu einem Versprechen, den Mut angesichts von Unrecht und die Zurückhaltung, wenn man im Vorteil ist.

Brüderlichkeit muss im Verhalten sichtbar werden. Sie verlangt Verschwiegenheit gegenüber anvertrauten Dingen, Geduld bei Meinungsverschiedenheiten und Hilfe, die die Würde des Empfängers bewahrt.

Wer einer mitteleuropäischen Körperschaft beitreten möchte, sollte deren eigene Aufnahmebedingungen heranziehen. Respekt beginnt mit Klarheit über das Haus, das man betreten möchte.

Toulouse und Mitteleuropa: eine Verbindung in der Gegenwart

Die offizielle Website Okzitaniens nennt Christian Belloc als Souveränen Großkommandeur des Suprême Conseil d’Occitanie. Sie verlinkt außerdem auf den Suprême Conseil d’Occitanie et d’Europe Centrale. Dies ist ein öffentlicher institutioneller Bezug zur Verbindung, die auf unserer Website dargestellt wird. 11

Der Umfang einer konkreten Vereinbarung ergibt sich aus dieser Vereinbarung. Ein öffentlicher Link, eine Zusammenarbeit, die Mitgliedschaft in einer internationalen Institution und die Anerkennung durch eine andere Jurisdiktion bezeichnen unterschiedliche Beziehungen.

Für unsere in Bratislava verankerte Arbeit, zu der auch Treffen in Wien gehören, bringt die Verbindung mit Toulouse eine praktische Verantwortung mit sich. Wir müssen über Sprachgrenzen hinweg klar kommunizieren, Dokumente widerspruchsfrei halten und dafür sorgen, dass die institutionellen Verpflichtungen überall gleich verstanden werden.

Übersetzung ist Teil dieser Verantwortung. Eine Verfassung, eine Erläuterung der Mitgliedschaft oder eine Aussage zum institutionellen Status muss ihre Bedeutung auch in einer anderen Sprache behalten.

Eine grenzüberschreitende Bruderschaft braucht mehr als gemeinsame Embleme. Sie braucht die geduldige Genauigkeit, durch die Vertrauen möglich wird.

Warum Bratislava für die Geschichte der Freimaurerei wichtig ist

Bratislavas Platz in dieser Erzählung beruht auf einem besonders aufschlussreichen Kapitel mitteleuropäischer Geschichte.

Nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 galten in den beiden Reichshälften unterschiedliche Regeln für das Vereinswesen. In der ungarischen Hälfte konnten Logen tätig sein, während in der österreichischen Hälfte weiterhin Beschränkungen bestanden.

Wiener Freimaurer trafen sich zu Hause in Vereinen und verrichteten ihre rituelle Arbeit jenseits der inneren Reichsgrenze in den sogenannten Grenzlogen. Nach Angaben der Großloge von Österreich bestanden bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs vierzehn solcher Logen, die hauptsächlich in Pressburg, dem heutigen Bratislava, arbeiteten. 12

Die erste war Humanitas. Die Jubiläumsdarstellung der Großloge datiert ihre Anfänge auf 1871 und 1872. Sie beschreibt auch, wie die Grenzlogen nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 nach Wien übersiedelten und dort gemeinsam eine Großloge bildeten. 13

In dieser Geografie liegt eine bleibende Lehre. Eine Grenze, die einen Teil des Lebens einschränkte, eröffnete zugleich einen Weg, auf dem ein anderer Teil fortbestehen konnte.

Diese Geschichte gibt der heutigen Arbeit in Bratislava und Wien einen bedeutsamen Hintergrund. Sie begründet keine institutionelle Abstammung eines heutigen Rates von jenen historischen Logen. Ihre Bedeutung liegt im Beispiel von Beharrlichkeit, Zusammenarbeit und Verantwortung über Grenzen hinweg.

Die Zerstörung des österreichischen Logenlebens im Nationalsozialismus verleiht diesem Erbe zusätzlichen Ernst. Die Großloge von Österreich berichtet von der Auflösung der Logen 1938, von Flucht und Exil sowie von der Ermordung von mehr als hundert Mitgliedern in Konzentrationslagern. 12

Erinnerung sollte die Sorgfalt vertiefen, mit der wir Worte wie Freiheit, Würde und Brüderlichkeit verwenden.

Der Adler im mitteleuropäischen Gedächtnis

Der Adler mit zwei Köpfen gehört auch zur historischen Landschaft Mitteleuropas. Er wurde eng mit der kaiserlichen Herrschaft der Habsburger verbunden. Die Welt der Habsburger erläutert, wie nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 Teile der Reichssymbolik im Kaisertum Österreich weitergeführt wurden. 14

Seine Präsenz in der kaiserlichen Heraldik und in der Symbolik des Schottischen Ritus lädt zum Vergleich ein. Die jeweilige Geschichte und Bedeutung bleiben dabei eigenständig.

Hier schlage ich eine persönliche ethische Lesart vor. Ein Kopf kann uns daran erinnern, auf das Empfangene zu schauen: die Texte, Verpflichtungen und Erfahrungen der Menschen vor uns. Der andere kann unseren Blick auf die Folgen unseres heutigen Handelns richten.

Der gemeinsame Körper verlangt Stimmigkeit. Wissen sollte das Handeln leiten. Überzeugungen sollten der Prüfung zugänglich bleiben. Erinnerung sollte uns helfen, in Situationen besser zu urteilen, die unsere Vorgänger nicht vorhersehen konnten.

Für eine Institution, die Toulouse mit Mitteleuropa verbindet, kann das Emblem eine ähnliche Verpflichtung ausdrücken. Unterschiedliche Sprachen und örtliche Erfahrungen müssen sich mit einem gemeinsamen Maßstab des Handelns verbinden lassen.

Eine erstrebenswerte Einheit hält Unterschiede aus, ohne ihre Verpflichtungen preiszugeben.

Ordo ab Chao: die Arbeit an der Ordnung

Ordo ab Chao bedeutet „Ordnung aus dem Chaos“ und gehört zur historischen Symbolik des Schottischen Ritus. 15

Als ethischer Grundsatz beginnt die Devise bei uns selbst. Unordnung entsteht, wenn wir Information mit Verständnis, Ungeduld mit Entschlusskraft, Treue mit Nachsicht gegenüber Fehlern oder Autorität mit persönlichem Anspruch verwechseln.

Wir beginnen, Ordnung zu schaffen, wenn wir Tatsachen von Annahmen unterscheiden, eine Korrektur annehmen, zuverlässige Aufzeichnungen führen oder einen Streit lösen, ohne den anderen zu demütigen.

Dieselbe Disziplin gilt für Institutionen. Verantwortlichkeiten müssen verstanden werden. Entscheidungen brauchen eine klare Grundlage. Dokumente müssen mit öffentlichen Aussagen übereinstimmen. Versprechen sollten dem entsprechen, was tatsächlich geleistet werden kann.

Neben der Pracht eines Emblems mögen solche Praktiken bescheiden wirken. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass seine Bedeutung glaubwürdig wird.

Eine Institution verdient Vertrauen durch die Verlässlichkeit ihres Handelns.

Brüderlichkeit als gelebte Praxis

Brüderlichkeit wird besonders dort sichtbar, wo Einigkeit schwerfällt. Sie fragt, ob wir Kritik hören können, ohne sie als Verrat zu betrachten, ob wir beim Korrigieren eines Fehlers die Würde des anderen wahren und ob wir eigene Irrtümer eingestehen, ohne jemand anderen dafür verantwortlich zu machen.

Sie fragt auch, wie wir mit Menschen umgehen, die uns nichts bieten können. Höflichkeit gegenüber Einflussreichen ist leicht. Aufmerksamkeit für Übersehene sagt mehr aus.

In unserer Arbeit sollte Brüderlichkeit die Bereitschaft bedeuten, einem anderen Menschen zu mehr Fähigkeiten, mehr Verantwortung und einem freieren Urteil zu verhelfen. Sie sollte ehrliche Fragen fördern und denjenigen Raum geben, die noch lernen.

Die Qualität eines Rates wird sich letztlich in der Qualität dieser Beziehungen zeigen.

An den Menschen, der anklopft

Eine ernsthafte Anfrage beginnt mit dem Wunsch zu verstehen. Wer eine Mitgliedschaft erwägt, sollte wissen, an welche Institution er sich wendet, was sie lehrt, was sie verlangt und wie sie sich organisiert. Die Institution sollte ihrerseits klar antworten.

Besuchende Mitglieder sollten vorab die Bedingungen der gastgebenden Körperschaft und die Regeln ihrer eigenen Obödienz klären. Ein aufrichtiger Empfang und klare Regeln können zusammengehören.

Für diejenigen, die bereits an der Arbeit teilnehmen, bleibt die Aufgabe in ihrer Einfachheit anspruchsvoll: sorgfältig studieren, wahrhaftig sprechen, Verpflichtungen treu bleiben und die Institution verlässlicher hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben.

Der Adler blickt zu zwei Horizonten. Wir stehen zwischen dem, was uns anvertraut wurde, und dem, was wir anderen anvertrauen werden.

Das Werk wird durch die Art weitergegeben, wie wir es leben.

Ordo ab Chao.

Fragen zum Schottischen Ritus und seinem Adler

Was bedeutet der Doppeladler in der Freimaurerei des Schottischen Ritus?

Er ist ein etabliertes Emblem des Schottischen Ritus. Seine zwei Köpfe regen hier zum Nachdenken über das Verhältnis von Denken und Handeln an. Dies ist eine Deutung und keine allgemein verbindliche Lehrdefinition. 1

Ist der Schottische Ritus in Schottland entstanden?

Seine Entwicklung umfasst frühere Hochgrade, eine bedeutende Entfaltung in Frankreich, die Weitergabe über die Karibik und Nordamerika sowie die Gründung des ersten Obersten Rates in Charleston 1801. 34

Gehört jeder Freimaurer des 33. Grades einem Obersten Rat an?

Nein. Der Besitz des Grades und ein Sitz im Leitungsgremium sind zu unterscheiden. Das zeigt beispielsweise die Trennung zwischen Generalinspektoren ehrenhalber und aktiven Mitgliedern in der Südlichen Jurisdiktion. 5

Sind die Grade des Schottischen Ritus überall gleich organisiert?

Nein. Bezeichnungen, Gruppierungen und Verwaltung der Gradkörperschaften unterscheiden sich je nach Jurisdiktion. Maßgeblich sind die jeweiligen Verfassungen und autorisierten Rituale. 67

Warum ist Bratislava für die mitteleuropäische Freimaurergeschichte wichtig?

Wiener Freimaurer verrichteten ihre rituelle Arbeit jenseits der Grenze, wenn österreichische Beschränkungen sie zu Hause verhinderten. Viele Grenzlogen arbeiteten in Pressburg, dem heutigen Bratislava. 12

Was bedeutet Ordo ab Chao?

Die lateinische Wendung bedeutet „Ordnung aus dem Chaos“. Dieser Essay versteht sie als diszipliniertes Bemühen um Klarheit, Verantwortung und Stimmigkeit im persönlichen und institutionellen Leben. 15

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. Adlerembleme des Schottischen Ritus
  2. Die dreiunddreißig Grade
  3. Ritusgeschichte in der offiziellen kanadischen Darstellung
  4. Historische Darstellung der Südlichen Jurisdiktion
  5. Insignien und die Unterscheidung zwischen Grad und Amt
  6. Gradkörperschaften im Orient von Virginia
  7. Grade der Nördlichen Jurisdiktion
  8. Veröffentlichtes Programm des Kongresses in Toulouse
  9. Offizielle Selbstdarstellung Okzitaniens
  10. Veröffentlichte Aufnahmebedingungen Okzitaniens
  11. Leitung und institutionelle Verbindungen Okzitaniens
  12. Geschichte der Großloge von Österreich
  13. Die Anfänge von Humanitas und den Grenzlogen
  14. Der Adler in der Geschichte der Habsburger
  15. Historische Beschreibung des Kleinods des 33. Grades